Raya Badraun

Sportjournalistin

Geschichten statt Zahlen

Nach der Doping-Affäre um die russischen Athleten sollte es an den Olympischen Spielen in Rio nicht mehr um die Masse gehen. Stattdessen sollte jede einzelne Medaille wieder mehr Bedeutung erhalten.

Ein Kommentar von Raya Badraun

Der Sport schreibt die schönsten Geschich ten, heisst es oft. Doch diese rücken schnell wieder in den Hintergrund, wenn Tabellen und Resultate nicht das Erhoffte abbilden. So wird es auch an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro sein, die heute mit einer grossen Feier im Maracanã-Stadion eröffnet werden. Nach jedem Wettkampftag richtet sich der Blick als erstes auf den Medaillenspiegel: Welches Land war am erfolgreichsten? Wer ist ihm dicht auf den Fersen? Und welchen Rang belegt die Schweiz? Der einzelne Athlet und sein Erfolg rücken dabei in den Hintergrund. Stattdessen ist nur noch die Masse entscheidend. In der Schweiz ist das nicht anders. Vor den letzten Olympischen Spielen 2012 in London hoffte Swiss Olympic auf den 25. Rang in der Nationenwertung. Statt der angestrebten acht bis zehn Medaillen, holte die Schweiz lediglich vier. Die Enttäuschung war trotz spannender und berührender Geschichten gross.

Auch in Rio de Janeiro scheint das Glück von einer Zahl abhängig zu sein. Mindestens fünf Podestplätze strebt Swiss Olympic in den kommenden zwei Wochen an. Trotz den Absagen von den Tennisspielern Roger Federer, Belinda Bencic und Stan Wawrinka ist diese Zielsetzung realistisch. Immerhin sind für die Schweiz gleich mehrere Weltklasseathleten in die brasilianische Metropole gereist. Zu den Medaillenanwärtern gehören etwa die Triathletin Nicola Spirig, die Ruderer im Leichtgewichtsvierer ohne Steuermann, die Schützin Heidi Diethelm Gerber, die Mountainbiker Jolanda Neff und Nino Schurter sowie die Reiter mit Olympiasieger Steve Guerdat. Und das ist nur eine kleine Auswahl. Daneben gibt es noch weitere Sportler, die mit einer persönlichen Bestleistung zu einer Überraschung fähig sind.

Der Grund für den russischen Erfolg

Man könnte also nach goldenen Spielen für die Schweiz verlangen. Dies wäre jedoch der falsche Weg. Der Grund dafür ist vor allem Russland. An den Olympischen Winterspielen in Sotschi führte das Land vor zwei Jahren mit grossem Abstand den Medaillenspiegel an. Auch an den vorangegangenen Sommerspielen belegte es jeweils einen Spitzenplatz. Heute kennen wir den Grund für den grossen Erfolg. Russland hat in den vergangenen fünf Jahren systematisch und vom Staat geschützt gedopt. Dabei wurden positive Proben vertuscht oder mit der Hilfe von Geheimdienstmitarbeitern ausgetauscht. Der kanadische Sonderermittler Richard McLaren bezifferte die Zahl der so manipulierten Proben auf mindestens 643, verteilt auf rund 30 olympische Sportarten. Im Mittelpunkt stand Masse – und das damit verbundene Prestige. Doch obwohl die russischen Athleten nicht nach den Regeln des Sports spielten, darf ein Teil der Delegation in den kommenden zwei Wochen in Rio de Janeiro antreten. Dabei sind zum Beispiel alle Kunstturner, Volleyballer und Schützen.

Mehr Anerkennung

Vor diesem Hintergrund sollte nicht im Mittelpunkt stehen, wie oft die Schweizer an diesen Olympischen Sommerspielen auf dem Podest stehen und welchen Rang sie am Ende in der Nationenwertung belegen. Statt Zahlen sollen wieder Geschichten dominieren – auch von Edelmetallen. Trotz allem sollen diese nicht vergessen gehen. Doch jede einzelne Medaille, jedes Diplom und auch jede persönliche Bestleistung soll wieder mehr Anerkennung und Bedeutung erhalten. Denn Erfolge an Olympischen Spielen sind keine Selbstverständlichkeit – auch wenn es manchmal danach tönt. Wir müssen uns wieder einmal vor Augen führen, was dafür alles nötig ist – gerade wenn es sich um sauberen Sport handelt.

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