Raya Badraun

Sportjournalistin

«Party, Party, Party»

An der Medaillenfeier im Kulm Park gibt es Buh-Rufe. Gerade eben erhielten die Skirennfahrerinnen ihre Medaillen umgehängt. Als sie bereits die Bühne verlassen wollen, hält die Moderatorin sie auf. Was die Skirennfahrerinnen nun machen, will sie wissen. «Party, Party, Party», sagt die Österreicherin Michaela Kirchgasser, die Bronze holte. Jubel aus dem Publikum. «Keine Ahnung was passiert», sagt die Weltmeisterin Wendy Holdener und lacht. Jubel aus dem Publikum. Dann ist Michelle Gisin an der Reihe, die Silbermedaillengewinnerin. Ihre Stimme ist mehr ein Flüstern in diesem Moment. Sie gehe wohl bald ins Bett, sagt sie. Kein Applaus, kein Jubel. Einer ruft: «Buuuhhhh». Mehrere stimmen ein. So etwas hören die Zuschauer überhaupt nicht gerne. Die Party wollen sie sich nicht verderben lassen. Après-Ski gehört schliesslich zum Skifahren wie Butter aufs Brot.

Es ist kurz vor 19 Uhr. Im Zelt neben der Bühne stehen die ersten Ski-Freunde auf den Festbänken. Jagertee und Glühwein werden ausgeschenkt. Aus Plastikkrügen wird Calanda-Bier in Becher geleert. Eine Polonaise zwängt sich durch die Feiernden, es werden immer mehr. Ein Kollege kommt mit einem neuen Krug Calanda. Ist es der zweite oder schon der dritte? Keine Stunde ist vergangen, als zum dritten Mal Andreas Gabaliers Hymne «Hulapalu» ertönt. «Hodi odi ohh di ho di eh.» Alle stimmen ein, alle strecken ihre Arme in die Höh’. Es ist Zeit zu gehen.

Draussen schneit es noch immer, es ist eisig kalt. Ein paar wenige Zuschauer halten die Stellung. Einer trägt riesige Hörner auf dem Kopf, das Gesicht ist rot-weiss geschminkt. Er sieht aus wie ein moderner Wikinger. Gleich wird eine junge Band auftreten. Der Rapper Knackeboul versucht das magere Publikum aufzuwärmen. «Kommt näher», sagt er. «Wir brauchen hier Konzertstimmung.» Es geht nach St. Moritz Bad. Pizza essen, die Basis legen. Es ist ein grosser Fehler, wie sich später herausstellen wird. Denn die Party dauert in St. Moritz nicht ewig.

22 Uhr, es geht mit dem Taxi zurück ins Dorf. Schweizerhof, das House of Switzerland. Eine Traube hat sich am Eingang gebildet. Eine junge Frau zwängt sich durch die Masse. Ist es Michelle Gisin? Immer wieder wird sie aufgehalten, geküsst und fotografiert. Dann ist sie endlich an der frischen Luft. Nun gehört die Aufmerksamkeit Denise Feierabend, der Viertplazierten. Sie ist umringt von jungen Männern in Hemden und Skihosen. Auf dem Handrücken verteilen sie Schnupftabak. Und hopp! Eine Handorgel ertönt, alle singen. Ein Mann im hautengen Skidress schlägt den Takt mit einem Schwingbesen auf einen Koffer. Ein Jauchzer. Dann flacht das Fest ab.

Draussen schneit es noch immer. Menschen kommen entgegen. Die Party im Kulm Park ist vorbei. Also geht es zur Cow-Bar. In einem Innenhof steht eine kleine Holzhütte, daneben ein Traktor. Im Schneegestöber warten wir auf Einlass. Musik dröhnt aus den Boxen, die armen Nachbarn. Es ist 23.15 Uhr, als eine Stimme aus dem Innern ertönt: «Um halb zwölf machen wir Feierabend». Die Menschenmasse löst sich auf. «Jetzt nerv ich mich langsam», sagt einer. «Normalerweise ist das ganz anders hier.»

Die letzte Hoffnung ist das House of Fans gleich neben dem Schweizerhof. Der Securitas drückt einen Stempel auf das Handgelenk: eine Schneeflocke. Hier sind also all die Skifreunde. Und mittendrin steht Wendy Holdener, strahlend. «Keine Ahnung was passiert», sagte sie. Wir lassen es dabei.

Dieser Text erschien während der Ski-WM in St. Moritz in der Ostschweiz am Sonntag.

 

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